Nightcrawler

[first published on Senfblog.de November 5th, 2014]

„What if my problem wasn't that I don't understand people but that I don't like them?“

Dan Gilroy lässt uns mit „Nightcrawler“ so tief in menschliche Abgründe blicken wie wir eslange nicht mehrdürften im Kino. Ihm gelingt mit dem dunklen Pulp-Thriller ein cineastisches Meisterwerk mit einem schrecklich gutem Jake Gyllenhaal („Prisoners“, „Donnie Darko“) in der Hauptrolle. Ich verließ das Kino und musste mir eingestehen, dass ich voller Empathie für den durch und durch berechnenden, bösen und manipulativen Lou Bloom (Gyllenhaal) war. Nicht wie „Scarface“ bei dem man atmosphärisch auf eine Koksparty mitgenommen wird und dem 1980er AL Pacino alles verzeiht; nicht wie bei „American Psycho“ bei dem man Bale um seine Disziplin, Coolness und seinen Stil beneidet; nicht wie Penn in „Mystic River“ dem man auf Grund seines schrecklichen Verlustes nicht wirklich etwas vorwerfen darf.

Nein. Wir mögen Bloom, weil wir sein Wertesystem anfangen zu verstehen und er entlang dessen vollkommen logisch und effizient handelt. Gleichzeitig entwickelt er eine solche Ungeniertheit und Sicherheit, dass man nicht umhin kommt ihn anzufeuern. Zu dieser Selbsterkenntnis zwingt ein Debüt-Regisseur GIlroy hier. Er öffnet den Blick in den Abgrund und mir gefällt was ich in der Hölle sehe.

Der Plot ist simpel: Lou Bloom (Gyllenhaal) ist ein einsamer Bewohner LAs, der wie im Grundealle Amerikaner (zumindest im Film) den Traum vom Reichtum und Selbsterfüllung hat, den jeder durch harte Arbeit und Durchsetzungsvermögen erreichen kann. Doch es will nicht richtig klappen mit der Arbeitssuche und als er durch Zufall einer TV-Crew begegnet die „Crime Journalism“ (Berichte von Unfällen, Überfällen Mord usw.) betreiben ist er angefixt. Er bewaffnet sich mit einer kleinen Handkamera und beginnt seine Reise. Auf dem Weg zu (SPOILER ALERT) Los Angeles erfolgreichstem Verbrechensberichterstatter stellt er einen Arbeiter (Riz Ahmed, „Four Lions“, „Road to Guantanomo“), erpresst die Chefredakteurin Nina (Rene Russo „Get Shorty“, „In the Line of Fire“) und geht buchtsäblich über Leichen.

Mehr möchte ich nicht verraten, weil ich der festen Überzeugung bin, dass es vom Erlebnis wegnimmt. Und Boy (oder Gendergerecht, Girl) was ist „Nightcrawler“ für eine spannende Achterbahnfahrt durch Blooms Verstand. 

Vergleiche mit „Drive“ (wie zur Zeit in allen gängigen Feuilletons gezogen werden) hinken, weil sie wirklich nur in Momenten visuell sich ähneln (und dann auch Filme wie „Fast and the Furious“ ähnlich wären, weil halt Autos bei Nacht rasen). Wenn dann ist es eher Travis Bickle aus Scorceses „Taxi Driver“, dernahe liegt, wobei auch hier die Motivation eine ganz andere ist und Lou Bloom nicht getrieben vom Krieg sondern von der Blase des amerikanischen Traums ist. Bloom liegt irgendwo zwischen Bickle und Rupert Pupkin aus „King of Comedy“. Da sind diese Momente in denen er alleine auf dem Sofa sitzt und sich beim lachen zu dem imaginären Partner umguckt oder seine Kameraarbeit bei Profis abguckt die erinnern an Scorceses Protagonisten.

Entgegen aller Wahrscheinlichkeiten und Gesetze setzt sich die Ein-Mann-Armee Bloom durch, dabei kein Mittel scheuend. Langsam aber sicher merken wir wie tief die Schlucht ist. Nur in Augenblicken lässt Gyllenhaal die Fassade komplett fallen, wenn dann erschaudert man im Kinosessel. Abgemagert in weiten Hemden und Scheitelfrisur wirkt er wie ein Alien was gelernt hat Mensch zu sein. Sehen wir eine Entwicklung in ihm? Auf der Karriereleiter vielleicht, aber innerlich nicht. Was wir bekommen ist die logische Konsequenz und Folge seines Handels. Was Gylroy hier macht ist ein Psychogramm zeichnen. Mehr und mehr offenbart er uns vom Bloom der langsam aber sicher sein ganzes Spektrum frei lässt. Gyllenhaal spricht aufgesetzt und aufwändig gelernt Floskeln aus Lebensratgebern herunter, die absolut logisch in den Situationen sind, jedoch jegliche soziale Intelligenz missen lassen. So erklärt er Nina sogar ganz ungeniert, dass sich alles Wissen Online finden lässt und er einen Business-Kurs gemacht hat, was ihn genauso befähigt wie jeden Harvard Business Studenten. Selbst vor seinem sterbenden Partner rechtfertigt sich Bloom noch. Es stellt sich nicht die Frage warum Bloom besessen ist, sondern wie sehr er es ist. Er ist so felsenfest vom Recht überzeugt und weiß so sehr um seinen Wert, dass er nicht Mal mit der Wimper zuckt wenn er Nina erpresst um eine sexuelle Beziehung zu bekommen. Der Film ist so unheimlich spannend, weil jede Szene ein Ringen um Macht ist. Gilroy ist Drehbuchauot („Two fort he Money“, „Real Steel“) und das spürt man sofort.  Die Szene als Lou Rick einstellt:

LOU - Are you Richard?

RICK Rick.

LOU - I’m Louis Bloom.

RICK - Hi, Lou.

LOU Louis. Sit down.

Zwei Sätze gleich zwei Weltansichten. So funktioniert gutes Drehbuchschreiben. So viel Information in kurzer Zeit so gut wie möglich erzählen. – Zurück zu Gyllenhaal:

Nicht um die Leistungen Russos, Ahmeds oder auch Bill Paxton (als Antagonist) zu mindern, muss doch eingestanden werden, dass Gyllenhaal diesen Film alleine trägt und seine Vita um eine weitere großartige Charakterrolle erweitert. Das ist nach „Prisoners“ und „Enemy“ der dritte Film in den letzten zwei Jahren der komplett von ihm getragen wird und heraussticht am Ende des Jahres.

Auf der Oberfläche zeichnet Gilroy das Bild eines Bessenen, aber wie bei allen großen Filmen wird darunter etwas viel größeres verhandelt.  Es wird eine Medienwelt präsentiert ohne jegliche moralische Bedenken. Die einzigen Hindernisse sind rechtlicher Natur und auch diese Linien werden verwischt. Wie Russo es bildhaft beschrieb: „I want something people can’t turn away from“. Eigentlich sagt sie, „anything“. Und Lou kann das liefern. Er reiht sich perfekt ein in das Geschäft wo Sätze wie „Viewer Discretion is Advised“ ein Quotenmagnet sind. Ohne je wirklich zu zeigen was Lou so fasziniert filmt, teilweise sogar manipuliert für das perfekte Bild, erfahren wir wie umkämpft die Nachrichtenwelt ist, wie wenig Ethik und Moral dort zu suchen haben und warum wir dem Begriff Wahrheit so misstrauisch gegenüber stehen müssen. Im Gegensatz zu „Gone Girl“ schafft es der Film so viel über diese Medienwelt zu sagen ohne Klischees zu verfallen und permanent enorme Fallhöhe bewahrend. Es vervollständigt sich das Bild einer Stadt in der arme Uni-Absolventen mit Praktika gelockt werden, Journalisten den Polizeifunk abhören und die Neonleuchten permanent gutes Licht zum Filmen bieten.

„Nightcrawler“ wäre nichts ohne die großartige Kameraarbeit von Paul Thomas Anderson Stamm-D.O.P., Robert Elswit („There will be Blood“). Bloom wird so weit es geht isoliert vond en anderen Charakteren und so wird die Einsamkeit noch weiter unterstrichen. Die Kamera protzt nur dann wenn das Auto rast und wir uns fühlen sollen wie Bloom. Der Film ist voller Bidler die im Kopf bleiben; nicht eine Einstellung die nicht etwas wichtiges erzählt (wie es jeder wirklich gute Film macht). Ich erinnere mich jetzt an zwei großartige Bilder: Bloom vor der Pappwand, dem Hitnergrund des Nachrichtenmagazins. Er verharrt einen Moment und ist nicht ganz mittig cadriert, dann sagt er: „On tv it looks real.“, und jetzt verstehen wir die Bildsprache. Das ist Filmemachen auf hohem Niveau., wenn ein Bild fasziniert, lange stehen kann und dann erst nach ein paar Momenten seine Fülle offenbart. Das zweite ist kurz vor Schluss und wie in einer Levis Werbung folgen wir Bloom den Gehweg entlang. Gleicher Klamottenstil wie anfangs, nur etwas teurer. Er zieht die Sonnenbrille an, und die Kamera ist jetzt auf der anderen Strassenseite. Wir sehen wie er einen Funkspruch wahrnimmt und die Strasse überquert, dabei die magische Linie von Sonne zu Schatten übertritt. Quasi in sein Reich zurückkehrt, die Nacht. Im Hintergrund ganz unscharf, aber wohlplatziert schlummert die Hollywood Hills und wir verstehen, er ist angekommen, „Nightcrawler“.

Einziges Manko an „Nightcrawler“ ist der allzu auffällige Score. Die Musik verrät zu früh was sie machen soll. Vielleicht ist dies sogar beabsichtigt um sich anzupassen an die sensationsgeilen Nachrichtenmagazine, aber es schießt über das Ziel hinaus.  Dennoch:

Jeder Mensch sollte „Nightcrawler“ sehen, wenn auch nur um seine Meinung gegenüber der Nachrichten zu überprüfen. Aber vor allem hat man die Chance einen der besten Schauspieler unserer Zeit zu beobachten wie er uns alles gibt. Gilroy ist ein extrem vielversprechender Regisseur und schafft mit diesem Meisterstück einen so dermaßen präzisen wie auch erschreckenden Film. Der Film hat alles von Humor bis nervenzerreißender Spannung. „Nightcrawler“ ist der (bisher) beste Film des Jahres.